Konkurrenzkampf? Bitte nicht!

6 Nov

Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit machte unlängst eine große Studie zum Konkurrenzverhalten von Jungen und Mädchen:

Kindern im Alter von 3 bis 18 Jahren wurden bei Wettläufen und Rechenaufgaben angeboten, diese alleine oder in Konkurrenz zu anderen zu absolvieren. Schon die kleinsten Mädchen wählten signifikant häufiger die Variante ohne den Wettkampf, auch wenn ihnen dafür eine höhere (finanzielle) Belohnung versprochen wurde. Mädchen scheuen den Wettebewerb demnach schon von Kindesbeinen an, messen sich ungerne mit anderen und meiden somit die Chance zur Niederlage.

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich davon halten soll. Spannend finde ich vor allem, dass die Ergebnisse in Schweden anders waren – dort gab es diese geschlechtsspezifische Schüchternheit eben nicht zu vermelden.

Was bringt schon die kleinsten Frauen zur Scheu, sich mit anderen Frauen zu messen? Ist es diese Angst vor ähnlicher Konkurrenz, die später dafür sorgt, dass sich Frauen vor allem im Beruf gegenseitig am liebsten loswerden? Weil man gegen Jungs verlieren darf (muss?), nicht aber gegen die Geschlechtsgenossinnen?

Ich finde die Studie faszinierend, sie wirft ziemlich viele Fragen auf.

Wer den focus-Artikel dazu lesen möchte:

http://www.focus.de/schule/schule/psychologie/rollenverhalten-maedchen-meiden-konkurrenzkampf_aid_525209.html

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4 Antworten to “Konkurrenzkampf? Bitte nicht!”

  1. Martin 10. November 2010 um 10:35 #

    Der Artikel wirft für mich zwei Fragen auf:
    1. Was soll sich denn nun genau ändern? Ist es denn wirklich wünschenswert, dass sich auch diejenigen, die noch nicht vor lauter Testosteron und Wettbewerbs-Geilheit platzen (seien es nun Frauen oder die 60 prozent der Jungen, die auch lieber nicht gegen andere antreten wollten), endlich in ihr Schicksal ergeben und anfangen, den Kampf zu kämpfen, den der Focus-Schreiberling oder wer auch immer für sie vorgesehen hat?
    Vermutlich ist dieses unterschiedliche Sozialverhalten tatsächlich dafür verantwortlich, dass Frauen auf der Karriereleiter sich irgendwann die Füße auf einer Sprosse platt stehen. Aber ist das wirklich so schlimm? Kann Gleichberechtigung wirklich nur heißen, dass sich alle genauso bescheuert aufführen?
    Abgesehen davon glaube ich schon, dass es viele Frauen gibt, die den Wettbewerb sehr gern annehmen, nur sind die Mittel der Konkurrenz dann eben verschieden. Sie wird verlagert in Bereiche, die nichts mit Wissen zu tun haben.
    2. Entlarvend ist ja auch der letzte Absatz in Hinblick auf die Motivation des Artikels: Hier gehts nicht um Emanzipation. Aber ist ja auch wirklich schrecklich, wenn so viele Frauen als wetteiferndes Humankapital für die Volkswirtschaft verloren sind . . .

    • Maria 11. November 2010 um 07:56 #

      Lieber Martin,

      danke für deinen Kommentar!

      Was du ansprichst, ist sicherlich wichtig: Es soll ja nicht um eine „Angela-Merkelifizierung gehen“, bei dem alle weiblichen Attribute auf einmal nix wert sind und Platz machen müssen für ein „unauffälliges“ männliches Verhalten, mit dem frau dann doch noch Karriere machen kann.

      Mich wundert es einfach, dass die Erziehung (die zunächst einmal in den allermeisten Fällen vor allem von den Frauen übernommen wird) Mädchen sehr früh klar zu machen scheint, dass das Messen mit anderen, auch spielerischer Art, nicht erwünscht ist. Dass das Messen dann in anderen Bereichen, die nichts mit Wissen zu tun haben, dann durchkommt, beschreibe ich ja in meinem Blog. Beim Muttersein z.B. ist der Wettbewerb um die beste Mama ja dann auf einmal in Gänze entbrannt. Also scheint es den Wunsch nach Konkurrenz ja zu geben, aber dann verlagert er sich auf Gebiete, bei denen das einfach nichts verloren hat.

      Zu deinem 2. Punkt muss ich sagen: Du hast Recht, es geht sicherlich auch um „wertvolles Humankapital.“ Wenn du aber alleinerziehende Mutter von zwei Kindern bist, ist dir das vermutlich ziemlich egal. Du strampelst dir einfach einen ab, um deine Kinder durchzukriegen und bekommst nicht die (materielle) Anerkennung dafür, die du dringend nötig hast. Die Kerle schaukeln sich gegenseitig die Eier und du fragst dich, was dein Defekt sein könnte, dass du immer noch in den unteren Etagen herumdümpelst.

      Ob Frauen männlicher werden müssen, um in der männlichen Wirtschaftswelt zu bestehen, ist sicherlich eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Wirtschaft femininisieren? Frauen maskulinisieren? Ich kann da noch keine Meinung äußern, mir macht das Angst. Darum blogge ich fröhlich aus dem Nähkästchen und bin froh, dass ich nicht auf eine Antwort festgenagelt werde.

      • Pumuckl Räubertochter 12. Juni 2012 um 00:17 #

        Ich denke „Martin“ meinte die mangelnde Verwertbarkeit als wetteiferndes Humankapital als Kritik an dem Artikel, dem es ja, wie er schrieb gar nicht um ein emanzipatorisches Ansinnen ging, sondern um die wirtschaftlichen Nachteile, die durch mangelndes Konkurrenzverhalten von Mädchen/Frauen hervorgehen. Insofern ist das eine antikapitalistische Kritik, der ich mich durchaus anschließen möchte.

        Zu nem anderen Punkt: Dein ganzes binäres und klischeebeladenes Kategorisieren von angeblich „männlichen“ und angeblich „weiblichen“ Eigenschaften nervt mich ziemlich. Was ist denn bitte die Einteilung von entweder „maskulin“ oder „feminin“ anderes als zutiefst heterosexistisches Aufdrücken von Geschlechterrollen? Dominanz = „männlich“ und Unterwürfigkeit = „fraulich“ oder was? Warum soll Angela Merkel bitte „männlich“ sein (und damit=schlecht) und was bitte sind „weibliche Attribute“? Sie ist nichts weiter als eine Konservative, die entsprechende Politik macht. Das hat nichts mit „männlich“/“unfraulich“ oder „fraulich“/“unmännlich“ zu tun, sondern ist schlichtweg scheiße (meine linksradikale, eher libertäre Bewertung ;)).
        Was spricht dagegen konkrete Eigenschaften, die man MEINT auch konkret zu benennen, statt schwammige und rollenfixierte Geschlechtszuschreibungen zu verwenden? Du setzt ja damit auch voraus, dass jede*r weiß, was für einen Katalog an Eigenschaften an Optik, Verhalten und Denken du meinst, wenn du etwas als „maskulin“ oder „feminin“ bezeichnest. Mir ist das nicht ganz klar, und selbst in einer Gesellschaft, die relativ homogene Geschlechterbilder teilt, varriiert es doch teilweise individuell sehr, was sich Leute darunter vorstellen oder ob sie sich überhaupt etwas darunter vorstellen wollen. Das ganze wieder auf tradierte Rollen festzuhämmern finde ich nicht besonders erstrebenswert.

        Zudem geht es in dem Artikel gar nicht darum, ob Frauen eher Konkurrenz mit anderen Frauen meiden. Also was soll das Gerede davon, dass Frauen angeblich lieber gegen Männer „verlieren“ als gegen Frauen? Das ist eine Behauptung, die du einfach aufstellst, von der aber in dem Artikel an keiner Stelle die Rede ist. Zudem ist die Behauptung völlig aus der Luft gegriffen – sprich ohne jegliches Bemühen einer Begründung. Vielleicht WILLST du ja auch, dass es so ist, dass Frauen sich im Beruf „gegenseitig am liebsten loswerden“ und versuchst daher alles als „Beweis“ dafür heranzuziehen, egal ob es dazu taugt oder nicht?

        Mal ehrlich, angenommen ich wäre ein sehr kapitalistisch und karriereorientiert denkender Mensch: ich würde jegliche Konkurrenz im Beruf am liebsten hinter mir lassen und lieber alle überholen, egal ob Frau*, Mann*, Trans*, Intersexuelle. Warum sollte dabei das Geschlecht, das ich bei jemandem vermute (denn sicher wissen kann ich es ja gar nicht), für mich eine Rolle spielen? Wer mir eine Stelle oder eine Beförderung „wegschnappt“ wäre doch für mich letztlich egal, weil es mir in keinem Fall einen ökonomischen Vorteil verschafft – es sei denn ich bin mit der Person befreundet, verwandt oder verschwägert oder sie würde sonstwie freiwillig ihr Einkommen mit mir teilen, aber das ist unter kapitalistischen Gesichtspunkten wohl eher unwahrscheinlich.

  2. Maria 1. Juli 2012 um 19:51 #

    Hallo Pumuckl Räubertochter,

    entschuldige bitte meine verspätete Reaktion, ich wollte mich nicht drücken.
    Du hast sicherlich Recht, dass mein Blog und dessen Grundthese sich hier in den Beiträgen wiederfinden sollen und als interessenleitende These hier fungieren. Es ist sicherlich richtig, dass die Geschlechterbilder und -zuschreibungen viel komplizierter und heterogener sind, als ich sie vielleicht manchmal hier beschreibe. Ich denke trotzdem, dass ich den Kern hier treffe, und ich finde auch, dass das unendliche Atomisieren und Individualisieren Diskussionen nicht fruchtbarer macht, sondern sie eher manchmal zerstört.

    Gerade auch in Geschlechterdebatten weigere ich mich, die Probleme kaputt zu atomisieren. Das können tausende von Gesprächsreisen, Lesezirkeln, intellektuelle Gendercamps und WissenschaftlerInnen in Artikeln, die kein Mensch versteht, gerne tun, ich mag das nicht.

    Bei einer deiner Sichtweisen bin ich aber dann doch erschrocken, da hast du die FDP-Thesen lupenrein unterstützt. Nämlich in deinem Gedanken, dass im kapitalistischen System das Geschlecht eines Arbeitnehmers oder einer Arbeitnehmerin völlig egal ist, weil es nur um Profitmaximierung gehen soll. Wenn du Recht hast, dann können wir uns das ganze Quotengeschwätz auch sparen, denn du sagst, dass im kapitalistischen System immer die Person mit der größten Rendite das Rennen macht und Geschlechtergrenzen überhaupt keinen Einfluss hat.
    Heißt das also, dass Frauen, Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und noch etliche mehr einfach kapitalistisch keine Wertschöpfung schaffen können und deshalb zurecht keine Jobs in der Wirtschaft bekommen? Weil sie, wenn sie gut genug im kapitalistischen System wären, alle schon tolle Jobs hätten?
    Die These finde ich ziemlich vermessen.

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