Schleckerinnen

29 Mrz

Ich weiß schon, die ganze Schlecker-Geschichte liefert einfach keine schönen Bilder. Die Läden sind dunkel, ranzig und schon seit einer ganzen Weile halb leer, und auch die angestellten Schleckerinnen sind zumeist keine Topmodels, sondern Endvierzigerinnen, die modisch gesehen irgendwo zwischen Adler und bonprix liegen. Ja, mit einem ordentlichen Slutwalk wäre da vielleicht noch etwas zu reißen gewesen!

Die ganze Sache ist irgendwie unappetitlich, und man kann es auch jetzt schon nicht mehr hören.

Was mich ankotzt, ist, dass hier unterschlagen wird, dass wir die semierotischen Opelaner vor wenigen Jahren mit ihren Trillerpfeifen und dem Gejammere, dass ganze Opel-Dynastien ihre Zukunft verlieren, doch irgendwie auch alle ertragen konnten. Ohja, und wie stolz waren wir alle, als „unser“ Opel endlich gerettet war, vom Staat, vielen Dank auch, juhei und juhu.
Komisch, dass dann doch immer irgendwo noch ein paar Milliönchen und Milliärdchen flüssig sind.

Jetzt geht es eben nicht um Stahl und die deutsche Seele (das Auto), jetzt geht es um tausende von geringqualifizierten Frauen, die in ganz Deutschland verteilt auf ihren Dörfern sitzen und darauf warten, ob Bayern jetzt noch die fehlenden Millionen für die Transfergesellschaft hinblättert oder eben nicht.

Nennt mich militant, aber das ist nicht zuletzt eine Geschlechterdebatte. Der Wert dieser Frauen liegt auf jeder Skala irgendwo unter dem Fußboden, und was man bei Opel und Co. noch für einen verzweifelten Arbeitskampf hielt, schimpft sich jetzt nur noch hysterisch und unnötig.

Ich will nicht wissen, wie viele der Schlecker-Damen die Hauptverdienerinnen für ihre Familien sind, sei´s , weil der Partner keinen Job hat, sei es auch, weil es vielleicht gar keinen Partner gibt. Es ist nicht so, dass es hier um ein paar 400-Euro-Damen geht, die eh nur für den Gran-Canaria-Urlaub arbeiten gehen, während der Mann was „Richtiges“ macht.

Sorry, aber auch wir gut ausgebildeten jungen Superfrauen dürfen uns über so was fürchterlich aufregen. Ich empfinde diese Schlecker-Geschichte wirklich als eine ziemlich unwürdige Frauengeschichte in meinem Land.

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5 Antworten to “Schleckerinnen”

  1. mucknich 29. März 2012 um 10:16 #

    Sehe ich auch so. Im übrigen sind und vor allem waren Opels Autos auch nicht wirklich appetitlicher als die „Schleckerinnen“.

  2. Martin 29. März 2012 um 10:41 #

    im prinzip hast du recht. es ist eben staatsdoktrin, dass es unternehmen (und damit arbeitsplätze) gibt, die wichtiger sind als andere – die schlüssel(industrien) unserer glorreichen gemeinschaft. dass die rolle des „wichtigeren“ dabei nicht zufällig solchen industrien zufällt, die männlich dominiert sind, ist wohl wahr, abetr nicht die ganze wahrheit.

    arbeitskämpfe und auch politische skandalisierung (nach dem wahlkampf ist vor dem wahlkampf) lassen sich an EINEM standort mit 2000 beschäftigten besser inszenieren als an 25 a000 standorten mit jeweils zwei bis fünf angesteltten. dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass auch bei opel eine menge frauen arbeiten.

    dazu fällt eine solidarisierung im falle schlecker auch aufgrund der überdurchschnittlich obszönen geschäftspraktiken der vergangenheit schwer. opel und andere unternehmen dagegen pflegen ihr sauberes image als wertvoller teil der gesellschaft mit erfolg. soll heißen: wenn es dm erwischt hätte, wäre die betroffenheit größer gewesen, obwohl die auswirkungen für die einzelne ebenso dramatisch gewesen wären

  3. glücklich scheitern 29. März 2012 um 11:10 #

    danke für den beitrag. und natürlich ist es eine geschlechterfrage! genau so, wie die abwrackprämie dem werten staat mehr geld gekostet hat, als es der vernünftige ausbau von kitaplätzen (vor allem im u3-bereich) würde.

  4. Martina 29. März 2012 um 18:26 #

    Durch eine Transfergesellschaft werden aus den „Schleckerinnen, die zumeist keine Topmodels sind, sondern Endvierzigerinnen, die modisch gesehen irgendwo zwischen Adler und bonprix liegen“ (brilliant und treffend furmuliert!) über Nacht leider keine topgestylten und superhippen H&M Modeverkaufsschnitten…
    DIe Auffanggesellschaft bringt den Frauen also meist nur eins: eine verschobene und zeitlich versetzte Arbeitslosigkeit… Eine reelle Chance, die Schleckerinnen aus der geringqualifizierten Stufe eine Stufe nach oben zu bringen wird nämlich keine Transfergesellschaft auch nur annähernd versuchen wollen…
    Ob diese „Hinhaltetechnik“mit Staatshilfe also die Richtige wäre? Das wage ich zu bezweifeln…
    Warum?
    Weil es Arbeitslosenzahlen und Vermittlungsquoten verschleiert, die Brisanz der Thematik verschleiert und weil es den Schleckerinnen nicht hilft, ein Jahr oder mehr durch eine Transfergesellschaft im Glauben zu sein, dass danach alles besser wird (was es leider vermutlich nämlich nicht sein wird)…

    • Maria 29. März 2012 um 19:12 #

      Du hast natürlich völlig Recht, dass auch eine Transfergesellschaft nicht bedeutet, dass dann alle fröhlich und gut qualifiziert einen neuen Job erhalten. Dass aus all den Frauen in einem halben Jahr keine Maschinenbauingenieurinnen oder Elektrikerinnen oder was sonst noch so auf dem Markt gefragt ist, das ist klar.

      Aber als politisches Signal finde ich das schon bedenklich. Es ist jetzt einfach nochmals offensichtlich geworden, dass sich für diese Weiber niemand die Hände schmutzig machen will. Und dann höre ich Rösler mit der Vokabel „Anschlussverwertung“ für die Mitarbeiterinnen und mir wird leider etwas schlecht.

      In Spiegel Online wurde wie folgt geschrieben: „Gesamtbetriebsrätin Christel Hoffmann sagte: „Der Tag hat uns gezeigt, welche Wertstellung Frauenarbeit in Deutschland hat. Das ist bitter.““

      Und darum geht´s mir…

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